Luxemburger Wort Zum Leben etwas zu wenig

Jeder kann einmal im Leben in eine finanzielle Schieflage geraten und auf die Hilfe des Sozialamtes angewiesen sein. Seit 2011 gibt es ein Gesetz, das das Recht auf Sozialhilfe regelt. Wenn nötig, kann es gegenüber einem der 30 Sozialbüros des Landes eingeklagt werden.

Früher hießen sie noch Armenbüros und die Leute schämten sich dorthin zu gehen, wenn sie finanzielle Schwierigkeiten hatten. Die Leistungen waren zum Teil sehr unterschiedlich, so dass „Sozialtourismus“ entstand und die Menschen in eine Gemeinde mit besseren Sozialleistungen umzogen.

Heute spricht man nicht mehr von Armenbüros, sondern von Sozialbüros. Der Zuständigkeitsbereich hat sich um einiges erweitert und die Leistungen wurden vereinheitlicht. Doch gerne gehen die Menschen wohl immer noch nicht dahin. Dabei sollen sie wissen, dass sie im Falle eines Falles ein Recht auf Unterstützung haben. Seit 2011 gibt es nämlich ein Gesetz, das jedem Einwohner eine einheitliche Sozialhilfe gewährt. Dieses kann auch einklagt werden.

Kunde könnte jeder sein

Die Annahme, dass im Sozialbüro nur Leute vorbei kommen, die nicht arbeiten wollen ist falsch. „Jeder kann in seinem Leben einen finanziellen Engpass haben“, so Conny Théobald, Präsident des Verwaltungsrates des Sozialbüros in Düdelingen.

Er erzählt von einem Paar: Die Frau arbeitete bei Schlecker und wurde arbeitslos, als die Filiale schloss. In den folgenden Monaten verlor auch der Mann seine Arbeit auf dem Bau. Das Paar musste die gemeinsame Wohnung verkaufen. „Natürlich gibt es auch Leute die jeden Monat aufs Neue hier stehen“, erläutert Conny Théobald, „aber sie stellen sicher nicht die Mehrheit dar“. Viele brauchen nur ein- oder zweimal im Leben Hilfe. Dies kann sein, wenn das Kind eine neue Zahnspange braucht und dann gleichzeitig noch das Auto oder die Heizung kaputt geht. Oder ein anderes Bespiel ist, dass bei einem Umzug eine Kaution fällig wird, die nicht aufzubringen ist, wenn man mit einem Mindestlohn leben muss.

Die Kunden im Sozialbüro in Düdelingen gehören zum größten Teil zur aktiven, arbeitenden Bevölkerung. In Düdelingen sind 38 Prozent Luxemburger, 36 Prozent Portugiesen, die restlichen Antragsteller gehören zu den 72 übrigen Nationalitäten, die in der Gemeinde leben. Die meisten Anfragen nach materieller Unterstützung betreffen die Zahlungen von Energierechnungen, Miete, Arztrechnungen oder den Monatsbeitrag an die Krankenkasse.

Aber man geht nicht einfach zum Sozialbüro und erhält Geld. „Man muss dem Verwaltungsrat seine gesamte finanzielle Situation offenlegen und auch bereit sein, Verpflichtungen einzugehen und zu kooperieren“, so Conny Théobald. Egal für welche Form von Hilfe, man muss dem Amt einen sogenannten Lebensplan vorlegen, was heißt, dass man sich verpflichten muss Fortbildungskurse, Sprachkurse, Entschuldungsprogramm, Entziehungskur, usw. zu besuchen.

Beratungsfunktion

Dass sich das Bild des Sozialamtes gewandelt hat, hängt aber auch damit zusammen, dass nicht mehr nur reine Geld- oder Sachleistungen geboten werden. Seit den letzten Jahren erfüllt er auch immer mehr eine Beratungsfunktion für fast alle Lebenslagen. Hilfe bei der Unterbringung in einer Sozialwohnung und das Ausfüllen von Anträgen sind nur einige Themenfelder. Ständig wird der Zuständigkeitsbereich der Sozialbüros erweitert.

Die Gemeinde Düdelingen arbeitet momentan an einem Projekt, in dem Einzelpersonen oder Familien bei Bedürftigkeit bis zu 36 Monaten zu einer verbilligten Miete in gemeindeeigenen Wohnungen untergebracht werden können. Während dieser Periode wird ein Teil ihres Einkommens gespart, um den Betroffenen eine größere Chance auf dem privaten Mietwohnungsmarkt zu ermöglichen. In Zukunft sollen auch Mietverträge mit Privateigentümern geschlossen werden, die bereit sind, auf einen Teil der Miete zu verzichten. Als Gegenleistung garantiert das Sozialamt die regelmäßige Zahlung der Miete und die Instandhaltung der Wohnung.

Staatliche Hilfe

Dass Luxemburg heute 30 Sozialbüros hat, hängt mit der Einführung des neuen Gesetzes von 2011 zusammen. Jede Gemeinde, die über 6 000 Einwohner hat, was elf an der Zahl betrifft, verfügt über ein eigenständiges Sozialamt. Die 19 anderen Sozialämter sind für mehrere kleine Gemeinden verantwortlich. So sind z. B. im Norden des Landes bis zu 14 Gemeinden in einem Sozialamt-Verwaltungsrat vereint. Kooperationen bestehen mit dem „Cent-Butték“, Lebensmittelläden oder „épiceries sociales“, zu denen die Leute mit den Coupons der Sozialbüros gehen können. Solche Strukturen sind überregional, also nicht in jedem Dorf.

Laut C. Théobald war das Gesetz von 2011 ein „Quantensprung für die meisten Sozialbüros“, die dadurch institutionalisiert und professionalisiert wurden. Die Leistungen wurden seitdem vereinheitlicht und die Institutionen werden staatlich gefördert.

Luxemburger Wort vom Dienstag, 20. Oktober 2015, Seite 17

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