Die Kehrseite des Erfolgsmodells

Statec-Studie zur sozialen Kohäsion

Die Kehrseite des Erfolgsmodells

Während Arbeit und Beschäftigung weiter „boomen“, verfestigt sich die Armutsquote im Land

VON CHRISTOPH BUMB

Luxemburgs Wirtschaft wächst und schafft fleißig Arbeitsplätze, und dennoch bleibt das Armutsrisiko hoch. Das sind nur zwei der Befunde aus der neuesten Studie des Statec zur sozialen Kohäsion im Land. Die Zahlen offenbaren eine nachhaltige sozio-ökonomische Spaltung, die sich zwischen Arm und Reich, zwischen Bildungsgraden, und nicht zuletzt auch im Verhältnis zwischen Luxemburgern und Ausländern widerspiegelt.

„Wir erleben einen drastischen Anstieg der Beschäftigung im Land. Man kann von einem regelrechten Boom sprechen.“ Serge Allegrezza betonte gestern bei der Vorstellung des jüngsten Sozialberichts des Statec („Rapport Travail et Cohésion sociale“) zunächst die positiven Seiten des Luxemburger Wirtschaftsmodells. Demnach trotzte das Land in Sachen Schaffung von Arbeitsplätzen selbst der Finanzkrise. Seit 2009 habe man zwar mit weniger Wirtschaftswachstum zu kämpfen; dennoch stieg die Beschäftigungsquote seitdem jährlich um 2,1 Prozent, so der Statec-Direktor.

Insgesamt deutet der Bericht auf eine ungebrochene Dynamik der Wirtschaft hin. Sowohl demografisch, mit einer Netto-Immigration von rund 11 000 Menschen in 2014, als auch was die Arbeitsplätze (plus 53 Prozent seit 2000) betrifft, zeigen die Zahlen, dass das auf dauerhaftes Wachstum gründende Geschäftsmodell des Landes auch die Krisenjahre gut überstanden hat. Auch die Gehälter sind stetig angestiegen (plus 46 Prozent seit 2000 bzw. plus 3,1 Prozent von 2013 auf 2014). Auch die Kaufkraft der Bürger ist seit der Krise 2013 erstmals gestiegen (plus 1,9 Prozent) und steigt weiter (plus 1,2 Prozent in 2014).

Die Zahlen hinter den Zahlen

Auf der anderen Seite bleibt bei aller wirtschaftlichen Dynamik die Arbeitslosigkeit auf einem hohen Niveau. Im europäischen Vergleich steht Luxemburg mit einer Quote von 5,9 Prozent in 2014 zwar gut da; nur Deutschland und Österreich schneiden besser ab und der EU-Durchschnitt liegt bei 10,4 Prozent. Im Detail verfestigt sich aber die durch die Finanzkrise erhöhte Zahl der Menschen ohne festen Arbeitsplatz.

Am meisten davon betroffen, sind zudem Nicht-Luxemburger (6,8 Prozent der EU-Ausländer waren 2014 arbeitslos und 19,2 Prozent der Nicht-EU-Ausländer). Dagegen liegt die Arbeitslosenquote bei Luxemburger Staatsbürgern bei nur 3,8 Prozent.

Ein ähnliches Bild zeigt sich zudem bei der Entwicklung des Armutsrisikos (siehe Grafik). Das relative, also rein auf das verfügbare Einkommen bezogene, Armutsrisiko ist in den vergangenen zehn Jahren um über vier Prozent gestiegen. In 2014 lag es bei 16,4 Prozent. Dabei geht das Statec von einer Armutsgrenze von 1 716 Euro monatlichem Einkommen aus. 85 Prozent der Menschen unter dieser Armutsgrenze haben dabei zwischen 1 000 und 1 716 Euro zur Verfügung; das heißt, 15 Prozent der Armen im Land müssen mit weniger als 1 000 Euro über die Runden kommen.

Armut: Ausländer mehr betroffen

Das Risiko von Armut und sozialer Exklusion, das auf einer EU-weiten Berechnungsmethode beruht, stabilisiert sich zudem bei 19 Prozent. Damit ist nahezu ein Fünftel der Bevölkerung statistisch gesehen von Armut bedroht. Bei beiden Entwicklungen ist ein historisch hohes Niveau erreicht, das sich seit 2013 verfestigt.

Auch beim Armutsrisiko sind Nicht-Luxemburger bei Weitem mehr betroffen. 22,2 Prozent der Ausländer im Land gegenüber 9,1 Prozent der Luxemburger fallen unter die Armutsgrenze. Zudem sind vor allem Menschen mit geringer Bildung (20,8 Prozent) von Armut bedroht.

Besorgniserregend erscheint dabei aber vor allem die Anzahl von dauerhaft von Armut bedrohten Menschen im Land. 9,2 Prozent der Bürger, die von Armut bedroht sind, befinden sich schon seit einem Jahrzehnt in dieser Situation. Luxemburg liegt hier genau im Durchschnitt der EU-Staaten.

Neue Methode in Arbeit

Statec-Direktor Serge Allegrezza betont allerdings das Problem der Definition von Armut in Luxemburg. Die Armutsgrenze sei ein rein statistischer Wert, der sich wiederum am statistisch ermittelten Durchschnittseinkommen orientiert. Sein Haus arbeite aber seit geraumer Zeit daran, eine neue Methode zur Berechnung und Eingrenzung der Armutsproblematik zu entwickeln. In diesem Sinn kündigte Allegrezza auch an, dass man künftig mit dem Familienministerium zusammenarbeiten werde, um gemeinsam in der Frage der Definition des Armutsrisikos im „speziell luxemburgischen Kontext“ voranzukommen. Dieses Projekt sei unter anderem enorm wichtig, um eine aktive und gezielte Sozialpolitik auszuführen.

Luxemburger Wort vom Freitag, 16. Oktober 2015,